Warum HDTV nicht HD ist.

Nach 10 Jahren hat die alte, schwere, klobige Flimmerröhre endlich den Geist aufgegeben und muß durch einen neuen Hausaltar ersetzt werden.
Ein Full-HD LCD Fernseher mit mindestens 1,20 Metern Diagonale soll es schon sein, wenn nicht gleich einen noch größeren Plasma.

Endlich ist man auf dem neuesten Stand der Technik und kann das neue, hoch auflösende Fernsehen in seiner ganzen Pracht genießen. Kinoerlebnis pur vom heimischen Sofa aus, fehlt nur noch das Popcorn.

Die obigen Sätze beinhalten gleich mehrere Denkfehler.

1. Ihre Frau wird ihnen nicht jeden Abend Popcorn machen.

2. Die Tatsache das der “alte” 10 Jahre seinen Dienst getan hat, spricht für die ausgereifte Röhrentechnik. Ich kenne diverse Geräte von Metz oder Telefunken, die sogar klaglos 20 und mehr Jahre tadellos funktioniert haben und dies auch heute noch tun. Stellen sie sich schon mal darauf ein, daß Ihr neuer Flacher dieses Alter nicht mal ansatzweise erreichen wird.

3. Oft höre ich von Jüngern der Flachbild-Kirche das Argument, die Röhre sei ja so schwer gewesen. Allerdings frage ich mich, wie oft das Gerät umhergetragen wird, um das Gewicht zu einem Kaufargument zu machen.
Das Selbe trifft auf die Tiefe zu. Zugegeben, die Flachbildschirme sind eben flach und man kann sie wie ein Bild an die Wand hängen, ohne daß sie 70 cm in den Raum hineinragen. Dafür brauchen die meisten (man will ja ein möglichst großes Bild) die doppelte Fläche. Das ist mit der klassischen deutschen Schrankwand in Eiche-Metallic, in die der Alte noch wunderbar eingepasst war, nicht mehr zu machen.

Also wird das Monster über Eck gestellt.
Spätestens dann merken die meisten, daß der Neuerwerb ob seiner riesigen Diagonale nicht nur noch weiter in den Raum hinein ragt, sondern daß sie mit dem leeren Raum dahinter auch nichts vernünftiges anfangen können.
Und wer will schon einen Katzenkratzbaum hinter dem TV haben?

Es ist also unumgänglich das gesamte Wohnzimmer auf das neue Gerät umzurüsten.
Planen sie also die zusätzlichen Ausgaben für den Schrankwandersatz gleich mit ein.

4. Erinnern sie sich noch als sie ihren tollen, neuen, riesigen Röhrenfernseher zum ersten mal eingeschaltet haben?
“Ja, das ist ein Bild, hervorragende, saubere und lebendige Farben, gestochen scharf”.
Solche und ähnliche Sätze waren damals von ihnen und ihren Kumpels zu hören (die sich anlässlich des Endspieles und ihres neuen, tollen Röhrenfernsehers bei ihnen eingenistet haben). Ich habe auch wärend der gesamten “Röhren-Ära” niemals gehört, daß jemand darüber gejammert hätte, daß das Flimmern unerträglich sei.

Sind ihre Augen seitdem schlechter geworden? Oder warum glauben Sie, daß dieses “hervorragende, gestochen scharfe Bild mit seinen lebendigen Farben” plötzlich eine “matschige, flimmernde, und unscharfe” Zumutung ist, mit der sie im 21. Jahrhundert auf keinen Fall mehr leben können?
Und kommen Sie mir jetzt nicht mit der Alterung der Röhre. Auch wenn diese über die Jahre tatsächlich nicht besser wird, steuert die Elektronik entsprechend nach. Davon konnte ich mich an einem – über 20 Jahre altem Metz – via Messgerät überzeugen.

In Wirklichkeit sehen sie ein besseres Bild auf z.B. einem Plasma TV, weil sie fest glauben er, müsse ein besseres Bild haben.
Tatsächlich ist das allerdings nur eine gefühlte Bildverbesserung. Messtechnisch ist das Bild in den allermeisten Fällen nachweislich schlechter als auf Ihrer “alten Flimmerkiste”.

Verstehen Sie das bitte nicht als Affront. Ich bin überzeugt davon, daß Sie tatsächlich ein besseres Bild sehen. So wie man bei einer Studie im Kernspinntomographen auch festgestellt hat, daß der Probant tatsächlich eine gesteigerte Reaktion in der entsprechenden Gehirnregion zeigt, wenn man ihm billigen Fusel einflößt und sagt, es sei ein schweineteurer Spitzenwein.

Jetzt werden Sie sich fragen, ob ich von allen guten Geistern verlassen bin.
Sie sind sicher, ein schlechtes von einem guten Bild unterscheiden zu können, wenn Sie eines vor sich haben.

Wirklich?

Mehr Details können bei HDTV nur wahrgenommen werden, wenn man nah genug am Bild sitzt. Ist der Betrachtungsabstand relativ groß, dann kann man die Auflösung von HDTV nicht von einer niedrigeren Auflösung unterscheiden.

Das Auflösungsvermögen des menschlichen Auges beträgt bei 100% Sehfähigkeit ungefähr eine Winkelminute. Die Grenze der wirklich sichtbaren Auflösung von HDTV entspricht etwa dem 1,6-fachen (1920 × 1080) der jeweiligen Bilddiagonalen.

Das bedeuted, wenn sie einen Fernseher mit 1 Meter Diagonale haben, dürfen sie nicht weiter als 1.6 Meter entfernt sitzen, um in den Genuß der HD-Auflösung zu kommen.

Allerdings ist das ein sehr theoretische Wert.
1. Die wenigsten Menschen verfügen über eine 100%ige Sehkraft (auch nicht mit Brille).
2. In den allerwenigsten Fällen stellt ihr HDTV 1920 x 1080 Pixel dar.

Für gewöhnlich läuft das “normale Programm”, welches bei uns in 720 x 576 interlaced – also zeilenversetzt – gesendet wird.
Das bedeuted das Bild wird in 576 horizontale Streifen geschnitten und zunächst alle ungeraden (also 1,3,5,7, usw bis 567) Streifen gezeigt und eine 50stel Sekunde später alle geraden (also die Streifen 2,4,6,8, usw. bis 566).
Aufgrund der Trägheit des menschlichen Auges und dem Nachleuchten der Phosphorschicht auf ihrem Röhrenfernseher sehen Sie ein scharfes Bild mit flüssigen Bewegungen.

Das Problem besteht darin, daß ihr neuer Flachbildschirm keine Zeilen darstellen kann.
Was macht er also? Er versucht, mittels einem Deinterlacer die beiden Felder (das mit den undgeraden und das mit den geraden Zeilen) irgendwie zusammen zu wurschteln.
Das bedeuted faktisch die Halbierung der vertikalen Auflösung

Obwohl es mittlerweile auch bessere Deinterlacing Algorithmen und Chips gibt, läuft es im Prinzip immer darauf hinaus, daß ein Feld – sprich die Hälfte ihres Bildes – weggeworfen und und den verbleibenden Streifen ein neues generiert wird. Was umso mehr auffällt, wenn die Dinge in Bewegung kommen.
Bei einer Einstellung ohne Kammeraschwenk und ohne viel Bewegung im Bild klappt das Deinterlacing fast perfekt. Aber schon bei einem Fussballspiel kommt die Wahrheit ans Licht. Geschulte Augen können die Auflösungshalbierung regelrecht sehen, für den durchschnittlichen Zuseher wird das Bild einfach nur irgendwie schwammig, bis die Kamera wieder ruhig steht.

Dieses Bild in (mittlerweile) Youtube-Auflösung wird dann mit Gewalt auf die Größe des gesamten Bildschirms aufgeblasen. Sie müssen jetzt mindestens 6 bis 7 Meter weit weg sitzen, um denselben Bildeindruck wie auf ihrem alten Röhrenschirm zu bekommen. Wilkommen in der schönen neuen Welt von HDTV.

Sollten Sie HD Programme empfangen können, ändert das noch lange nichts an der Problematik. Nur die Zahlen sind andere.

Auch HD wird bei uns weitgehend in Zeilen produziert und gesendet.
Auch hier muss ihr TV das Deinterlacing vornehmen und auch hier bedeuted das die Halbierung der vertikalen Auflösung.
Sprich, von den 1.080 pixeln sind nur noch 540 über. Also weniger als die PAL SD-Auflösung.

Verschlimmbessert wird die Situation noch durch den Versuch der Elektronik, die durch das Deinterlacing entstandenen Treppenstufen weichzuzeichnen.
Das ist aber nicht so tragisch, denn das ursprünglich sehr gute Material wurde zum Transport via Satellit so sehr zusamengepresst, daß die Kompressionsartefakte überwiegen. Vor allem in dunkleren Flächen fallen die Klötzchen besonders unangenehm auf.

Um noch eines draufzulegen, darf ich ihnen verraten, daß die meisten HDTV-Geräte nur 6 bit Farbe darstellen können und sich den Rest schönrechenen. Das führt zu dem bekannten Banding – statt eines sanften Verlaufs am Himmel eines Sonnenuntergangs sehen sie 5 bis 6 vollflächige Streifen – auch schön.

Sie befinden sich also in der Situation, daß sie auf einem Full HD-Bildschirm, ein Bild mit etwas weniger als vertikaler PAL SD-Auflösung anschauen müssen, das zudem noch immer schwammiger wird und Sie sehen dies vor allem deshalb, weil sie so nah dran sitzen.

Was ihnen bei dieser Gelegenheit noch auffallen wird, ist, daß bei Kameraschwenks das Bild nicht – wie von Ihrem Röhrenfernseher gewohnt – butterweich durchläuft, sondern ein unangenehmes Ruckeln zu sehen ist. Das trifft vor allem bei Filmen zu, die noch auf “richtigem Film” mit 24 Bildern pro Sekunde gedreht wurden.
Sie haben jetzt die Möglichkeit, irgendwelche Bildverbesserer und 100 oder 200 Herz Hokus-Pokus einzuschalten und das Bild damit nicht nur komplett zu ruinieren, sondern ihm auch den Look einer Seifenoper zu verleihen.

Wenn Sie sich jetzt wie früher aufs Sofa setzen und einen Abstand von 3 bis 4 Metern einhalten, verschwinden all die Schmierereien, Kompressionsartefakte und sonstige Unzulänglichkeiten weitgehend. Allerdings nur deshalb, weil Ihr Auge bei diesem Abstand nicht mehr in der Lage ist, diese wahrzunehemen – die Full HD Auflösung allerdings auch nicht.

Das beste Bild bekommen Sie auf einem Full HD 1:1 Panel (1920×1080) TV, bei einem Full HD 3D Animationsfilm (das nicht vorhandene Bildrauschen künstlicher Bilder gibt dem Codec die Möglichkeit, viel bessere Qualität zu liefern) von Bluray, abgespielt auf einem Player, der proggressiv ausgeben kann. Aber wie viele 3D-Animationsfilme in HD wollen Sie sich eigentlich anschauen?

Wer noch nie unkomprimiertes 1080i-Material auf einem Full HD fähigen Studio Klasse1 Röhrenmonitor gesehen hat (ab ca. 50.000 Euro aufwärts), hat noch nie HD gesehen.
Angesichts der – durchaus saftigen – Preise der Profimonitore werden nur die wenigsten in diesen Genuss kommen.

Einige Hersteller haben (oder hatten) allerdings Full HD fähige Röhrenmonitore im Programm.
In den USA kosten diese Geräte nicht viel mehr als ein SD TV und sind ziemlich gebräuchlich, vor allem deshalb, weil sie auch SD in hervorragender Qualität darstellen können.

Aus irgendwelche unerfindlichen Gründen werden die auf dem deutschen Markt nicht angeboten. Einzige Ausnahme war der legendäre Philips 32PW9551, dessen Produktion mittlerweile jedoch eingestellt wurde.
So ein flacher, riesiger Kasten mit spiegelnder Oberfläche an der Wand macht doch viel mehr her. Die grausige Bildqualität der Flachmänner scheint selbst denen wurscht zu sein, die sie sich nicht selbst schön reden.

Aber was erwarte ich von jemandem, der bei 4:3 Sendungen auf Fullscreen schaltet, nur damit – auf Teufel komm raus – keine schwarzen Balken links und rechts stehen und den die daraus resultierenden Quereierköpfe überhaupt nicht stören.

Eine weitere Möglichkeit wäre, die Flachen zeilenfähig zu machen, inklusive einem simulierten Nachleuchten, um der Trägheit des Auges entgegen zu kommen und wieder butterweiche Schwenks und flüssige Bewegungen zu erreichen.
Wenn dann die Pannels noch 10 bit Farbtiefe hätten und das Material nicht durch die Codecs verkrüppelt würde, dann, ja dann hätten wir endlich wieder die Qualität der Röhrengeräte – nur halt mit größeren Diagonalen.

Uns wenn es denn unbedingt sein muss, meinetwegen auch in flach.

by Frank Glencairn