3D Kino – Was solls?

Alte Hüte in neuen Schläuchen.

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Die Hollywood Studios und Produzenten wollen uns – zum dritten oder vierten mal Brillenkino verkaufen. Immer wieder wurde diese Technik aus der Klamottenkist gezerrt, immer mit großem Hype, immer wieder ist die Nummer nach kurzer Zeit eingeschlafen.

Aber diesmal – so die Promotoren – diesmal ist es die ganz große Zukunft des Kinos.
Mit ganz neuer Technik, bunt und in Farbe. Ehrlich.

Ganz großes Kino also.

Das Phänomen ist nicht neu: Immer, wenn sich Hollywood bedroht fühlte, floh es in die dritte Dimension. Das war in den 50er Jahren so, als simpel gestrickte Abenteuerfilme à la “Bwana, der Teufel” scheinbar Speere ins 3-D-bebrillte Publikum fliegen ließen, um der Konkurrenz des damals aufkommenden Fernsehens zu begegnen. Das wiederholte sich in den 80ern, als 3-D-Fassungen von Blockbustern wie dem “Weißen Hai” die Verbreitung der Videokassette einzudämmen hofften. Und das kommt jetzt wieder, wo der Filmindustrie die Angst vor Internet und Videopiraterie im Nacken sitzt.

Wobei die Industrie mit mindestens einem Auge auf sich selbst schielt. Verkauft wird 3-D mit dem Argument des sinnlicheren Filmkonsums, doch die Hauptprofiteure der neuen Technologie sitzen in den Chefetagen der Filmkonzerne, nicht im Kinosaal: 3-D-Filme sind nämlich nicht mehr so einfach von der Leinwand abzufilmen und ins Netz zu stellen wie ihre flachen Verwandten. Und: Sie lassen sich nur digital projizieren, was nebenbei die von der Industrie stürmisch propagierte Umstellung der Filmprojektion von Zelluloid auf digitale Projektoren beschleunigen soll. Was, wenn es klappt, die Kluft zwischen Blockbustern und industrieunabhängigem künstlerischem Kino nur vertiefen würde.

Ein Blick auf die aktuellen 3-D-Titel verrät denn auch, wohin die Reise gehen soll: “Jonas Brothers – The 3-D-Experience”, “Küss den Frosch”, “Toy Story in 3-D” – glatte Ware dominiert, Konzertfilme oder Trickfilmspaß gelangen serienweise ins 3-D-Kino.

James Camerons “Avatar” und “Die Reise zum Mittelpunkt der Erde” sind immerhin Teilweise mit Menschn gedreht.

Hauptsächlich kommen sechs verschiedene Verfahren zur Projektion von 3-D-Filmen zum Einsatz:

RealD

Die passiven Brillen des Marktführers arbeiten nach dem Prinzip der zirkularen Polarisation. Ein aktiver Polarisationsfilter (»Z-Screen«) im Lichtgang trennt das Bild in einen horizontal und einen vertikal polarisierten Anteil, die dann von den unterschiedlich polarisierten Gläsern aufgefasst werden. Geisterbilder können produktionsseitig herausgerechnet (»Ghost-Busting«) werden. Das Verfahren erfordert eine Silberleinwand. In den USA werden billige Einweg-Brillen verwendet.

XpanD

Aktive Polarisations-Brillen, die zwischen den Bildern für das linke und rechte Auge im Wechsel umschalten. Die Synchronisierung von Gläsern und Bildtakt erfolgt durch Infrarot-Signale, die vom Server gesteuert werden. Die Brillen benötigen Batterien (Betriebszeit 300 Stunden laut Hersteller) und haben damit einen höheren Betreuungsaufwand. Die Haltbarkeit liegt laut Hersteller bei bis zu 2000 Vorführungen. Das Verfahren ist für weiße Leinwände bis 24 Meter geeignet.

Dolby 3D

Die Gläser der passiven Brillen sind für unterschiedliche Teile des Farbspektrums eines Bildes durchlässig. Ein Farbrad im Lichtgang des Projektors steuert die Umschaltung zwischen beiden Bildern. Eine spezielle Server-Ausstattung ist notwendig. Die Haltbarkeit der Brillen soll bei 300 Vorführungen liegen. Eine weiße Leinwand ist ausreichend. Das Verfahren nutzt Entwicklungen der deutschen Firma Infitec.

Imax

Die Großbild-Kinos nutzen passive Polarisations-Brillen und benötigen eine Silberleinwand für die digitale Doppelprojektion mit zwei 2K-Projektoren. Ein spezieller Server (von Doremi mit »Imax Image Enhancer«) ist notwendig. Auch 70-mm-Doppelprojektionen sind bei Imax im Einsatz.

Sony

Für Stereo-Aufführungen kann zu den 4k-Projektoren SRX-R220 ein Erweiterungsset mit einer Doppeloptik für Leinwände bis 17 Metern Breite geordert werden. Der integrierte Server (Media-Block LMT-200) liefert zeitgleich zwei Bilder, jedes in 2K aufgelöst, mit 60 Bildern pro Sekunde für Silberleinwände. Im März 2009 wurde eine Partnerschaft mit RealD vereinbart.

MasterImage

Auch dieses, vor allem in Japan und Asien vertretene, System verwendet zirkulare Polarisation. Die beiden Bilder werden über ein dem Projektor vorgeschaltetes, aktives Filterrad erzeugt und auf eine Silberleinwand projiziert.

Die bekannten Rot/Grün Anaglyphen Brillen aus den 50er Jahren und exotische Techniken wie KMQ und die Drahtgitter Leinwände, die erstmals 1906 von Estanawe postuliert und 1930 erstmals in einem moskauer Kino eingesetzt wurden kommen praktisch nicht mehr zum Einsatz.

Noch immer legen die Brillen Grauschleier über das Bild, noch immer hängt die Wirkung des Verfahrens vom richtigen Abstand von der Leinwand ab; noch immer setzt man das Sehgerät nach anderthalb Kinostunden mit leichtem Kopfweh ab.

Jenseits dieser physischen Argumente sprechen auch künstlerische Einwände gegen den 3-D-Film: Wesentliche Kriterien bewußter Bildgestaltung, wie Bildkomposition und Genauigkeit in der Kadrage lassen sich im 3-D-Film, der darauf abzielen muß, den Bildrahmen vergessen zu machen, nicht mehr nachvollziehen. Der Schnitt muß auf die Akkomodationsfähigkeit des menschlichen Auges Bedacht nehmen und darf daher nicht allzu rasch von der Großaufnahme in die Totale springen – eine (für den 3-D-Film ideale) Folge bühnenartiger Halbnah-Bilder wäre jedoch kaum der Montageweisheit letzter Schluß.

Von Future-Technologie-Nerds muss man sich dann immer wieder anhören, daß wenn frühere Generationen so eine “ewig gestrige” Haltung gehabt hätten würden wir immer noch schwarz-weisse Stummfilme sehen oder doch gleich dem Flackern des Lagerfeuers zusehen.

Diese – sehr einfach gestrickten – Zeitgenossen vergessen gerne, daß es beim Fim nicht um eine möglichst natürliche und in allen Dimensionen (man hat sic sogar schon zum 4D Kino mit Geruch, Regen, Rüttelsitzen und Kitzelfäden verstiegen) geht, sondern um das (möglichst gute) Erzählen von (möglichst guten) Geschichten.

Dabei fällt 3D ebenso in die Kategorie “Effekt” wie die unseeligen Kitzelfäden.
Eine gute Erzählung braucht keine Effekte, oft nicht mal Farbe und kommt sogar manchmal ohne Ton aus.

Allerdings stellt sich die Frage ob man Ton und Farbe nicht ebenfalls als Effekt bezeichnen könnte.

Um 3D Effekte und schlimmeres zur geltung zu bringen, muß man den Film darauf hin drehen. Z.B. werden Kamera Standpunkt, Blocking (Bewegung – Wer ist wann wo und warum), Kadrage usw. vom 3D Effekt und nicht vom dramatischen Grund bestimmt.
Das ist bei Ton und Farbe nicht der Fall.

Was bleibt ist also Kopfweh, ein schaler Nachgeschmack und ein weiterer Werbegag der zum x-ten mal, seit die Gebrüder Lumière 1895 den Kurzfilm „L’arrivée d’un train à La Ciotat“ in 3D zeigten, aus dem Hut gezogen wird.

Diesmal ist aber alles ganz anders und diesmal wird es bestimmt der große Durchbruch für das Kino der Zukunft. Ehrlich.

Frank Glencairn