Filmkombinate – die Zukunft des Films in Deutschland?

Der deutsche Film ist ein Trauerspiel. Großstadt-Beziehungskomödien sowie Vor-Während-Nach-Kriegsfilme, mit den immer selben Darstellern. Das ist nahezu alles, was der deutsche Film noch zu bieten hat und selbst diese Streifen sind dann erstaunlich uninspiriert. Vorhersehbarer Plot, müde Dialoge, mäßiges Schauspiel, handwerklich auf dem Stand von 1985. So geht´s nicht weiter.

Brauchen wir also (schon wieder) einen “Neuen Deutschen Film”? Ein zweites Oberhausener Manifest? Womöglich einen “ganz neuen Deutschen Film”?

Aufkleber des

Bloß nicht, das ging 1962 schon schief. Bizarre Montagen, die Vermischung von Dokumentar- und Filmsequenzen, peinliche Sexszenen, wacklige Handkamera, Laiendarsteller und das Erheben von technischen Unzulänglichkeiten zur Kunstform haben schon damals nicht funktioniert. Das ganze wurde dann immer weiter übertrieben, bis der Dogma-Film dabei herauskam. Allerdings hatte sich das Publikum mittlerweile längst wieder “richtigen” Filmen (meist aus den USA) zugewandt, so daß sich der neue deutsche Film von selbst erledigte.

Was vom neuen deutschen Film bleibt, ist, daß ideologisch bedingt der Teil der Umsetzung sehr oft als “handwerklich” abqualifiziert wird. Ambitionierte Kameraführung, starke Bilder, dramatisches Licht, interessanter Schnitt und (Gott behüte) Farbkorrektur oder womöglich gar ein Look – all das ist verpönt, denn wer sich solcher Mittel bedienen muß, steht im Verdacht, nur von einer schwachen Geschichte ablenken zu wollen. Der wahre Filmschaffende bildet ausschließlich die Realität ab. Gerade Filmemacher, die sich zur Hochkultur rechnen, glauben durch das Weglassen handwerklicher Techniken ein vermeintlich unverfälschtes, authentisches Werk zu schaffen.

Das alles ist natürlich völliger Quatsch, aber leider ist es auch die Realität des deutschen Films.

In den letzten Jahren ist jedoch – auch dank der Demokratisierung der Produktionsmittel – eine völlig neue “Brut” von Filmemachern entstanden. Sie tragen die selbe “Jetzt-ist-alles-möglich” Aufbruchstimmung in sich wie Lubitsch, Murnau, Lang und Wilder in den 20er Jahren. Voller Herzblut, Passion und Hingabe zum Medium. Filmemacher, die nicht durch die Mühlen der Öffentlich-Rechtlichen und Filmschulen rundgemahlen wurden. Frei von jeglichen Dogmen und Ideologien. Allerdings sind sind sie auch frei von den nötigen Beziehungen, Kontakten und jeglicher finanzieller Unterstützung.

Auch wenn kinofähige Kameras billig geworden sind und es sogar möglich ist, notfalls einen ganzen Film auf einem Laptop zu schneiden, so kosten Schauspieler, Crew, Locations und das ganze Drumherum immer noch das selbe. Es führt also nach wie vor kein vernünftiger Weg an einer entsprechenden Finanzierung vorbei. Dabei ergeben sich folgende Optionen:

1. Selbstfinanzierung
Ganz schlecht. Wichtigste Regel: Niemals das eigene Geld oder das von Freunden und Familie in ein Filmprojekt stecken. Die Chancen, daß bei einem Projekt mit einem Budget unter 2 Millionen irgendjemand irgendwas verdient sind praktisch null.

2. Filmförderung
Für einen neuen Filmemacher ohne jegliche Referenzen (sprich mindestens ein erfolgreicher Film) ist es heute quasi vollkommen unmöglich, auch nur einen Cent von der Filmförderung zu bekommen. Nur wer bereits erfolgreich war, bekommt auch weiteres Geld. Ein Teufelskreis.

3. Sponsoring
Schon besser. Manchmal gelingt es – notfalls mit dem Angebot für Product Placement – einen Sponsor aus der Industrie zu akquirieren. Bestenfalls bekommt man etwas Geld, schlimmstenfalls ein Auto für den Dreh, Hotelzimmer, Catering usw. Einen ganzen Film zusammen zu sponsoren wird allerdings nicht gelingen.

4. Investoren
Nachdem die großen Steuervorteile für ausländische Filminvestoren weitgehend weggefallen sind, ist hier kaum noch etwas zu holen. Mann muß schon Superstars, einen berühmten Regisseur usw. aufbieten, um einen Investor hinter dem Ofen hervor zu locken.

5. Filmkombinate
Was bleibt ist also Eigeninitiative. Kein einfacher Weg, aber immerhin ein gangbarer.
Ein Filmkombinat – man könnte auch sagen ein Film Joint Venture – ist die Zusammenarbeit von Filmschaffenden (im weitesten Sinne) zum Zweck der Filmproduktion.

Man kann sich das wie bei einem Hausbau vorstellen. Anstelle eines Bauträgers, der alle beteiligten bezahlt, tun sich Maurer, Zimmerleute, Zementhersteller, Ziegelei usw, zusammen und bauen einen Wohnblock. Jeder bringt ein, was er hat oder kann. Wenn das Haus verkauft wird, wird der Profit nach einem entsprechenden Schlüssel verteilt.

Diese Methode hat einen entscheidenden Vorteil gegenüber Rückstellungsverträgen.
Rückstellungsverträge beziehen sich meist auf einen bestimmten Pauschalbetrag oder Stunden/Tagessatz.
Beim Kombinat hingegen wird alles Geld, das der Film jemals generiert an alle Beteiligten verteilt.
Von den Kinoeinnahmen über die DVD und TV Verwertung bis hin zum Vertrieb über das Internet. Alle sind immer beteiligt.

Natürlich ist die Organisation eines solchen Kombinats sehr mühsam.
Lassen sich Cutter, Schauspieler, Beleuchter usw. noch eher zu so einem Abenteuer überreden, wird es mit Versicherungen, Catering, Verleihfirmen, DVD Presswerken und ähnlichem schon schwieriger.
Auch ist die juristische und steuerrechtliche Seite nicht zu unterschätzen.

Trotz allen zu erwartenden Mühen und Schwierigkeiten dieses Modells ist es immer noch gangbarer, als gegen die Mühlen der Filmförderung anzureiten oder einen Privatkredit aufzunehmen.

Wenn der Film fertig ist, soll er auch zu sehen sein. Leider sind nur wenige Verleiher geneigt, einen Film aufzunehmen, der keine Förderung bekommen hat. Also ist auch hier Eigeninitiative gefragt und einen Film unter die Leute zu bekommen ist mindestens so schwierig wie einen zu drehen.

Erste Anlaufstelle sind natürlich Festivals. Viele Verleiher haben ihre Leute vor Ort, die versuchen, sich die Rosinen herauszufischen. Was aber, wenn das nicht klappt? Was wenn der Film partout keinen Verleih findet?

Betrachten wir das Ganze mal von der finanziellen Seite.
Ein Film spielt an der Kinokasse sagen wir mal 5 Millionen ein.
Davon behält das Kino ungefähr die Hälfte, bleiben 2.5 Millionen.
Der Verleih berechnet für PR und Kopien und seine Arbeit 2 Milionen, bleiben 0,5 Milionen
Das bedeutet, für all die Arbeit und das Herzblut, das die Beteiligten in das Projekt gesteckt haben, werden nur 1o% der Einnahmen, die der Film generiert hat verteilt. Will man das wirklich?

Versuchen wir also erst mal den Vertrieb raus zu schneiden.
PR wird über das Internet gemacht. Webseiten, soziale Netzwerke, Youtube usw. können mächtige Instrumente sein, die – richtig eingesetzt – sogar herkömmliche PR in den Schatten stellen.

Bleiben die Kopien. Dank der fortschreitenden Digitalisierung der Kinosäle dürfte das bald kein Thema mehr sein. Es genügt, die entsprechenden Dateien auf einer Festplatte zu versenden oder für den Kinobetreiber zum Download anzubieten. Die Datenmengen für einen abendfüllenden Spielfilm sind überschaubar.

Allerdings sind die Kinos oft an Verträge mit den Verleihern gebunden oder haben kein Interesse an Independent-Filmen. Zunächst könnte ich mir vorstellen, daß kleinere Kinos oder Programmkinos, die viel flexibler sind, durchaus interessiert sind, aber auch große Ketten, wenn man glaubhaft machen kann, daß ein Interesse des Publikums an dem Film besteht. Wie das geht? Nun, “Paranormal Activity” hat es vorgemacht.

Eine Webseite, eine Teaser auf Youtube und eine Anlaufstelle im Netz für alle, die den Film sehen wollen:

You Demand It

Die Firma hinter dem Ganzen heißt EVENTFUL. Sie bietet einen Service, der Künstlern, Bands oder eben Filmemachern die Möglichkeit gibt, das Publikum entscheiden zu lassen, wo sie auftreten, bzw, der Film laufen soll. So weiß der Kinobetreiber von Anfang an, mit wie vielen Besuchern er rechnen kann.

Man könnte also auf der Webseite des Films (die man ja sowieso braucht) einen Button platzieren, mit dem der geneigte Zuschauer kund tut, daß er den Film gern in seiner Stadt sehen möchte. Um groben Unfug von vorne herein auszuschließen und das ganze effektiver zu gestalten, könnte man noch einen Schritt weiter gehen und das Ganze gleich mit einem Ticket- und Bezahl-System verbinden. Wer also den Knopf drückt, erwirbt und bezahlt damit sofort ein Ticket. Nur wenn die kritische Masse für die jeweilige Stadt erreicht ist, wird der Betrag auch abgebucht.

Dadurch, daß das Filmkombinat dem Kinobetreiber einen vollen Saal garantieren kann, hat man auch – was den Anteil an den Einnahmen betrifft – eine viel bessere Verhandlungsbasis und für die Mitglieder des Kombinats bleibt mehr übrig.

Selbstverständlich ist mir klar, daß das alles nicht einfach ist und es noch einige Hürden zu überwinden gilt. Aber die bisherige Situation für aufstrebende Filmemacher ist auch nicht einfach und viele sind gezwungen, sich zu prostituieren, um ihr Material überhaupt in´s Kino zu bekommen. Wenn überhaupt.

Neue Vertriebswege wie das Internet werden die Situation in den Nächsten Jahren nochmals verändern und womöglich alte Strukturen aufbrechen. Irgendwann werden hoffentlich zwischen einem Talent und einem Film nicht mehr nahezu unüberwindbare Hürden wie Geld, Beziehungen und schieres Glück stehen.

Frank Glencairn

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